Björns Reisenotizen: Das Bilbao in Barcelona

Kutteln, Wein und Gastlichkeit

Es gibt ja eine eiserne Faustregel für Urlaube im nicht-englischsprachigen Ausland: Ist die Speisekarte neben der Landessprache noch in englisch, deutsch, französisch, italienisch und japanisch verfügbar, am besten sofort weitergehen. Touristenfalle! Barcelona ist natürlich voll von solchen Läden. Überteuerte Tapas-Bars, Kaschemmen, die horrende Preise für mittelmäßige Paella und billigsten Fusel einfordern. Also gilt auch im wunderschönen Barça: Lieber ein wenig auf die Pirsch gehen. Den Katalanen hinein in die dunkelsten Gassen folgen. Auf Insider-Tipps vertrauen. Oder einfach Glück haben. Es gibt sie nämlich auch in der Strandmetropole zuhauf, die echten Gastronomie-Erlebnisse, die wirklichen kulinarischen Offenbarungen, die eben nicht in jedem Reiseführer angepriesen werden wie das 4 Gats oder jede noch so schäbige Kneipe, in der sich Hemingway einst besinnungslos gesoffen hat.

Eines davon ist das Bilbao in der kleinen, unscheinbaren Calle del Perill 33. Hier, umzingelt von Fitnessclubs, Tanzschulen und dem anstrengend hippen Generator Hostel, versteckt sich einer der lukullischen Höhepunkte der Stadt. Seit über 60 Jahren im Familienbesitz und fast ebenso lange eine der beliebtesten Adressen für klassisch-katalanische Kochkunst, empfängt heute Pere Valls Isart seine Stammgäste. Seine Mutter wie auch seine Großmutter waren Köchinnen, der Patron ist heute die gute Seele des Stadtteils Gracia, ein passionierter Gastgeber mit einem kapitalen Grinsen. Sicher, auf Nachfrage gibt es hier auch eine englische Fassung der Speisekarte; bei unserem Besuch an einem Freitagabend im März wird aber klar: die hat hier niemand in der Hand, also zücken auch wir lieber die kulinarischen Wörterbücher und radebrechen uns direkt ins Herz der Belegschaft. Lieber schlecht spanisch/katalanisch als gut englisch sprechen, so lautet auch hier die Devise. Kommt eigentlich überall auf der Welt gut an.

Vor uns nahmen hier schon Prominente wie Alan Rickman Platz, allesamt angelockt durch Mundpropaganda und den ausgezeichneten Ruf eines der bemerkenswertesten Restaurants der Stadt. Klassisch soll es sein, also bestellen wir zum katalanischen Hauswein zunächst mal einen der ganz großen Klassiker im Bilbao, der Isart zufolge niemals von der Speisekarte verschwinden wird: Cap i pota, katalanische Kutteln als sämiger Eintopf mit Kartoffeln und Tomatensoße. „Sehr gute Wahl“, nickt der Kellner anerkennend, auch über den Ochsenschwanz in Rotwein scheint er offensichtlich sehr zufrieden. Kein Wunder: Für beide Gerichte ist das Bilbao bekannt, die Kutteln sind zart, der Ochsenschwanz kommt als großes Stück am Knochen und verzückt mit zartem Fleisch in kräftiger Soße.

Die Artischocken mit gebratenem Speck gehen zwischendurch immer, wer es etwas fettiger mag, wird auch in die Schweineohren, traditionell mit gedünsteten Pilzen gereicht, zu goutieren wissen. Die entlocken aber nicht mal dem Kellner ein „ausgezeichnete Wahl“ und dürften selbst viele Gourmets überfordern. Wer hätte gedacht, dass so ein Schweineohr praktisch nur aus Knorpel und Fett besteht? Gut, ein Tierarzt wahrscheinlich, aber den hatten wir nicht dabei. Deswegen gibt es auch keinen strengen oder mitleidigen Blick, als das Schlachtfeld auf dem Teller abgeräumt wird. Schnell noch den hausgemachten Flan bestellt und, ja: schon wieder verliebt.

Tja, das mit dem Verlieben fällt in dem kleinen, lauten Lokal mit den vielen Bildern an den Wänden eh leicht. Die gelöste Stimmung, das friedliche Miteinander, der charmante Service bilden die ideale Leinwand für einen tollen Abend. Nach dem Essen noch ein Bier oder zwei und dem genussvollen Schnattern der umliegenden Tische zuhören, bevor wir uns wieder in den kleinen dunklen Gässchen der Altstadt verlieren. Und das nächste gastronomische Geheimnis aufspüren.


Bilbao
Carrer Perill, 33
Barcelona
www.restaurantbilbao.com


Reservieren: unbedingt
Probieren: Kutteln, Ochsenschwanz
Für Mutige: Schweineohren


DBdR_Björn-Springorum_ReisenBjörn Springorum ist Autor, Journalist und verdammt viel unterwegs. Privat, beruflich oder irgendwo dazwischen reist er durch die Welt, macht dabei bevorzugt in London, dem Rest von England, Skandinavien, Südeuropa… ach, sagen wir einfach: überall dort Halt, wo es gutes Essen gibt. Für www.dasbestederregion.de berichtet er exklusiv von seinen Erlebnissen, Entdeckungen und Geheimtipps.

Fotos: www.restaurantbilbao.com