Kult, irgendwie

Eine Kolumne von Wolfgang Faßbender

Sieben Euro für eine Wurst sind kein Pappenstiel. Selbst wenn diese Wurst teilweise aus Kalbfleisch besteht, ziemlich saftig ist, akkurat gebraten und ohne die übliche Imbiss-Anraunzerei serviert wird. Doch ziemlich genau sieben Euro, je nach aktuellem Wechselkurs, kostet die womöglich bekannteste Wurst der Schweiz, serviert an einem nach dem Umbau recht komfortablen Stand am Zürcher Bellevue. Sieben Euro, welche von den Angestellten von nebenan, den Bankern der UBS und den neugierigen Touristen gern gezahlt werden, Hauptsache, sie dürfen im »Sternen Grill« speisen. Wie gut die Wurst tatsächlich ist, spielt für kaum einen eine Rolle: Es zählt der Kultfaktor.

Wie genau dieser zustande gekommen ist, weiß heute übrigens niemand mehr. Irgendwer hat mal drüber geschrieben, was ein anderer aufgriffen hat und von Dritten weiterverbreitet wurde. Die Zeit spielte eine Rolle, die Lage, die Schlichtheit des alten, längst verschwundenen Standes. Schlangen vor der Kasse tragen fast automatisch zur Verfestigung des Kultigen bei, und sollte mal ein semiprominenter Reality-Star beim Verzehr des Angebots gesichtet worden sein, ist das wie ein Sechser im Lotto. Wer sich damit clever vermarktet, wird, wenn Glück dazukommt, zur Kultstätte.

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Der Zürcher »Sternen« bleibt es wohl noch für eine Weile, auch wenn er neben vielen anderen Imbisswaren einen höchst durchschnittlichen Kartoffelsalat serviert, viel zu scharfen Senf in billigen Platikschälchen ausgibt und ein belangloses Angebot an Weinen vorrätig hält. Man mag sich gar nicht vorstellen, was passierte, wenn die Betreiber sich auf die Wurst konzentrieren, hausgemachte Trüffelsauce anböten und Champagner von Selosse ausschenkten. Vermutlich würde der Kultfaktor nochmals steigen und eine saftige Erhöhung des Wurstpreises ermöglichen. Oder es träte das Gegenteil ein, und die Gäste wichen erschrocken zur Konkurrenz aus. Die Wahrheit ist nämlich: Auch unter Einsatz von noch so viel gutem Willen und allen zur Verfügung stehenden Marketinginstrumenten ist weder ein Imbiss noch ein Restaurant garantiert auf Kultkurs zu trimmen. Ein Schuss Abenteuer steckt in jeder Gastro-Eröffnung, und manchmal können auch die besten Berater nicht analysieren, was genau zu Erfolg oder Misserfolg geführt hat.

Ein paar Schritte neben dem Wurstladen hat neulich ein Kaffeekiosk aufgemacht. Das ausgeschenkte Getränk hat verblüffende Klasse, der Preis liegt nicht höher als im Deutschschweizer Durchschnitt, und die Bedienung bekäme einen Preis für Freundlichkeit, gäbe es einen solchen. Dass diese Innovation mal Kult wird, wage ich allerdings nicht zu prognostizieren.

Fotos: www.sternengrill.ch


das-beste_trendbarometer_wolfgangfassbenderWolfgang Fassbender ist selbständiger Gastronomie- und Weinjournalist, lebt in Zürich und nahe Köln. Er ist als Restaurantkritiker unterwegs, schreibt für die NZZ, die Welt am Sonntag, für Weinwelt oder AHGZ, publiziert Bücher und keltert seinen eigenen Wein an der Mosel.