Michael Hamann

Michael Hamann hat gut lachen. Als ihm die Unternehmerfamilie Pohl 2007 anbot, ihre Heimatstadt Marburg in ein imageprägendes Experimentierfeld neuer und außergewöhnlicher Gastronomie- und Lifestyle-Konzepte zu verwandeln, zögerte er nicht lange. Kurzerhand hing er seinen 10-jährigen Job als Geschäftsführer und Teilhaber des Sylter Kultunternehmens »Sansibar« an den Nagel und bereichert die südhessische Universitätsstadt seither mit einer genussreichen Neueröffnung nach der anderen.
Auch das pfälzische Projekt »Weingut am Nil«, das Hamann konzipierte und aus seinem kulinarischen Basislager nahe Frankfurt steuert, setzt neue Maßstäbe.
Franz Weber hat mit dem Mann hinter den Kulissen gesprochen.

DBdR_P3_Glas-Wein_Hamann_1Das ehemalige Kallstadter Traditions-Weingut Eduard Schuster wurde in den vergangenen fünf Jahren mit großem finanziellem Aufwand in ein genussreiches Gesamtkunstwerk aus einem bereits mehrfach ausgezeichneten Weingut, einer topmodernen Weinstuben-Gastronomie und einem charmantem Landhotel verwandelt. Im Auftrag der Familie Pohl bist Du für die strategische Gesamtkoordination des Projektes »am Nil« verantwortlich. Wie kam es zu diesem Engagement?
Es war Dr. Ana & Reinfried Pohl seit langem ein Herzenswunsch, sich »vinologisch« in der Pfalz zu engagieren. Dass es nun das alte Weingut Schuster wurde, hing schlussendlich auch damit zusammen, dass das enorme Lagenpotential rund um Kallstadt, zum damaligen Zeitpunkt der Entscheidung, nur Insidern bekannt war – dazu zählten Pohls zum Glück. Der heutige Erfolg von Pfälzer Spitzenlagen wie »Saumagen« oder »Herrenberg« gibt uns recht, mittlerweile wollen viele Kollegen auf den Zug aufspringen.

»Weingut am Nil«. Wie oft müsst ihr – die auf den ersten Blick ungewöhnliche – Namenswahl erklären und wie kam es dazu?
Das war ja die Absicht dahinter! Gott sei Dank müssen wir es täglich erklären. Aus Marketing- Sicht ist es aber auch das Ziel, Interesse zu wecken, Neugier zu erzielen. Sei es über den Inhalt oder aber eben auch über den Namen und die nicht alltägliche Ausstattung. Der Hintergrund der Namensgebung hat sehr viel mit der Tradition unseres Weingutes zu tun. Wir fanden im Weinkeller alte Etiketten mit der Lage »Kallstadter Nil«, einer Weinparzelle, die in den siebziger Jahren in den berühmten „Saumagen“ einfloss. Jetzt braucht man nur noch den afrikanischen Fluss „Nil“ mit dem Kallstadter Wappentier, dem Löwen, zu kreuzen – und schon hat man genau die Story, nach der jeder Marketingstratege sucht.

Die große Vinothek ist seit ihrer Eröffnung im Jahr 2013 ein absoluter Dauerrenner in der pfälzischen Gastronomielandschaft. Hat Dich der außergewöhnliche Erfolg überrascht?
Das hat es tatsächlich. Dass das Konzept als solches funktionieren wird, daran habe ich immer geglaubt. Aber völlig unabhängig davon, wo wir das machen würden. Mit der Pfalz hatte ich überhaupt keine Erfahrung. Bis kurz vorher wusste ich rein gar nichts über die hiesige Lebenskultur, ich war der totale Neuling. Doch nach sehr schnellem (und kalorienhaltigem) Studium der ansässigen Gastronomie, war und ist unser heutiges Konzept das für mich einzig Sinnvolle. Die Pfalz ist wie kein anderer Landstrich in Deutschland voll mit hervorragender regionaler Küche, tollen authentischen Restaurants mit sehr gutem Preis-Leistungsverhältnis. Aus fachlicher Sicht hat da nun wirklich niemand auf uns gewartet. Umso besser, sprich, umso eigenständiger musste unser Restaurant sein.

DBdR_P3_Glas-Wein_Hamann_2Wie lässt sich das gastronomische Konzept kurz beschreiben?
Für jemanden, der noch nie bei uns war, ist es sicher schwer zu beschreiben. Für mich dient ein Restaurantbesuch nur zu einem Teil der Nahrungsaufnahme. Es muss so viel mehr geschehen, als nur den Hunger zu stillen. Der wesentliche Unterschied liegt zwischen zufriedenen Gästen und begeisterten Gästen. Wenn sie von einem Restaurantbesuch erzählen, müssen ihre Augen glänzen. Auch nach Wochen müssen sie noch detailliert schildern können, wo sie saßen, was sie gegessen haben, was sie fasziniert hat. Dann war es ein gutes Restaurant. Das scheint uns ein Stück weit zu gelingen. Der »Nil« ist eine gesunde Mischung aus Ambiente und Atmosphäre, aus Produktliebe und der Besinnung auf das kulinarisch Wesentliche. Und auf echte gelebte Gastfreundschaft. Du merkst: kurz beschreiben lässt es sich nicht. Es lässt sich nur erleben.
Wenn dann so: Vinophile Kleinigkeiten, die überall herkommen, nur nicht aus der Pfalz. Das ist unser kulinarisches Konzept.

Mit Alexandra Nickel als Gastgeberin, Tobias Heberle als Küchenchef und Johannes Häge als Betriebsleiter und Kellermeister des Weingutes sind die Schlüsselpositionen am Nil bestens besetzt. Wie wichtig ist ein gutes Team?
Was wir machen, ist reinstes »People-Business«. Wir leben mit Menschen, von Menschen und für Menschen. Wenn sie das verinnerlichen und auch die Chance bekommen, dieses umzusetzen, tritt vieles in den Hintergrund. Wir können noch so tolle Konzepte schreiben und Vorgaben machen, die nützen alles nichts, wenn die Mannschaft vor Ort das nicht lebt. Und genau darin besteht unser eigentliches Geheimnis: es sind unsere Mitarbeiter. Ohne die von Dir genannten – und auch die, die nicht genannt wurden – ohne diese Menschen wäre das »Nil« nur ein seelenloses Finanzinvestment. Wir sind stolz darauf, dass es das nicht ist.

Die Familie Pohl als Eigentümer des Betriebes konnte im vergangenen Jahr noch das ehemalige, ortsansässige Weingut Herbert Bender erwerben. Darf sich Kallstadt auf weitere spannende Projekte einstellen?
Dieses Engagement hat in allererste Linie damit zu tun, unser Lagenpotential zu sichern und noch weiter auszubauen. Wir sind zwar noch nicht lange am Markt, dennoch reichen unsere Mengen bei Weitem nicht aus, die Nachfrage zu befriedigen. Unsere jüngsten, sensationellen Bewertungen von Robert Parker, haben schlussendlich »das Fass zum Überlaufen gebracht«. Wir müssen wachsen, und die Möglichkeit bot sich mit dem Top-
Lagenpotential vom Weingut Herbert Bender an.

DBdR_P3_Glas-Wein_Hamann_3Das »Unternehmen am Nil« im Jahr 2020. Worauf dürfen wir uns freuen?
Unser erklärtes Ziel ist es, die Tradition zu wahren und dennoch der Zukunft verpflichtet zu sein. Wir würden uns freuen, wenn auch wir dazu beitragen, die Pfalz zu bereichern, den Menschen hier ein verlässliche Anlaufstation zu sein und speziell Kallstadt – zusammen mit den hiesigen Kollegen – dahin zu bringen, wo es hingehört: an die vinologische Spitze. Im Herbst 2020 soll und wird die Familie Pohl es nicht bereut haben, hier investiert zu haben. Sie sollen und werden stolz auf das Geleistete sein. Deswegen sind wir hier angetreten, zusammen mit der Pfalz, in der Pfalz etwas zu bewegen.

Neben den Kallstadter Aktivitäten der Unternehmerfamilie Pohl verantwortest Du als gastronomischer Geschäftsführer am Firmensitz in Marburg mehr als ein Dutzend erfolgreicher Gastronomie-, Hotel- und Lifestyle-Betriebe. Was treibt Dich an?
Es waren die Menschen. Es war und ist die Familie Pohl, die mir diese Perspektive bot. Heute sind es weit über 200 Mitarbeiter, auf die ich »ein Haus bauen kann«. Ein weiser Spruch besagt: »Führende haben Folgende« und genau darauf bin ich stolz. Ich alleine bin hilflos und kann nichts ausrichten, ich brauche Menschen, und genau das treibt mich an. Mit ihnen zusammen Großartiges zu leisten, sich nicht mit der Norm zufrieden geben, das besagte »Glänzen in den Augen« unserer Gäste zu erzeugen. Auch das treibt mich an: Begeisterung hervorrufen. Gastronomie ist etwas zutiefst Emotionales, wenn man die Möglichkeit bekommt, sie auszuleben. Die Familie Pohl gibt mir/uns diese Möglichkeit.

Bist Du auf dem Weg zu Deinen Zielen eher ein Kopf- oder ein Bauchmensch?
Schon immer ein Bauchmensch. Das alleine reicht jedoch nicht. Natürlich musst du auch ein Stück deinen Kopf gebrauchen, musst rational denken und handeln. Musst Gesetzte befolgen, auf wirtschaftliche Aspekte achten. Wir betreiben kein Hobby, wir handeln nach Möglichkeit gastronomisch professionell, aber eben mit dem Bauch, auf meist sehr emotionaler Ebene.

Bitte beende den Satz: In die Pfalz zu investieren ist …
… eine Entscheidung, die wir noch nie bereut haben. Trotz, oder gerade wegen all der Energie und der Zeit, die notwendig ist.

Herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!


www.weingutamnil.de