Der Weiße Ochse in Kirchheim

Charlottes Besteckkultur • Zu Tisch bei Stuttgarts Besten

Ein Name wie Weißer Ochse erweckt sofort gewisse Assoziationen, und das bestimmt nicht nur bei mir. Urwüchsigkeit, gutbürgerliche Küche, rustikale Einrichtung, viel Holz, Tradition. Aber eben auch ein wenig Staub, Muff, altbackene Zustände. Im schönen Kirchheim vor den Toren Stuttgarts könnte man damit nicht weiter von der Wirklichkeit entfernt sein. Zum Glück: Was hier seit einigen Monaten unter dem Namen Weißer Ochse seine Gäste verwöhnt, ist ein großer Glücksgriff für die Stadt unterhalb der trutzigen Burg Teck. Und eigentlich auch für die gesamte Region.

Es sind keine Unbekannten, die diesen Laden schmeißen. Restaurantleiter Christian Bez ist waschechter Kirchheimer, kehrt nach Stationen in Vincent Klinks Wielandshöhe, der Speisemeisterei, im Waldhotel Sorrona sowie im Yosh in die Heimat zurück. Alles Läden, die mit mindestens einem Michelin-Stern dekoriert sind, im Falle des Waldhotels sind es derer sogar drei. Küchenchef Vittorio Capezzuto hat einen ähnlich eindrucksvollen Weg hinter sich. Der gebürtige Bayer wirkte im Restaurant Graugans, im Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe und unter Boris Benecke (1 Stern Michelin). Im Yosh war er auch, wollte sogar bleiben. Bis er Christian kennenlernte – und feststellte, dass sie beide denselben Wunsch hegten. Ein eigenes Restaurant sollte es sein, ein einladender, unkomplizierter Ort, an dem auch ohne den gewissen Druck der Sterneküche auf höchsten Niveau gekocht werden soll.

Hauptgang-01

Diesen Traum haben sie sich mit dem Weißen Ochsen erfüllt. Der alte Dielenboden fügt sich mit den dunklen Holzbalken und den modernen Lampen zu einem originell und geglückten Ensemble zusammen, das Licht ist warm, die Stimmung ist nicht unbedingt zeremoniell, aber durchaus von einer gewissen Eleganz. Es ist, als haben die beiden das klassische Wirtshaus in seine Bestandteile zerlegt und auf hohem Niveau neu zusammengesetzt. Für die Küche gilt ein ganz ähnliches Prinzip: Klassisch und erlesen, ohne antiquiert zu wirken. Die gebratene Gänseleber kommt gebraten daher, Kirschragout und Belugalinsen setzen aromatische Akzente. In die Bouillabaisse-Variante des Hauses würden kaum mehr Fische und Meeresfrüchte passen, ihr Sud ist intensiv-würzig, das dazu gereichte Knoblauchbrot dank der intensiven Sauce Rouille ein Genuss, an dem man sich am liebsten satt essen würde.

Es wäre allerdings schade, wenn dieser Abend vorschnell vorüber wäre. Umsorgt vom strahlenden, motivierten und wirklich liebenswerten Service findet der eine oder andere Tropfen den Weg ins Glas, bevor die Hauptgänge zeigen dürfen, was sie können: Das Rinderfilet »Rossini« mit Trüffelsoße und einem weiteren Stück von der köstlichen Gänseleber könnte nicht von besserer Qualität sein, Struktur, Marmorierung, Geschmack und Garpunkt sind exzellent. Genau im rechten Moment hat Capezzuto auch das Rotbarschfilet aus der Pfanne geholt: Bissfest, samtig, geschmeidig ist das Fleisch.

Das wöchentlich wechselnde, fantasievoll und saisonal bestückte Menü macht die Abwechslung perfekt, ist wahlweise von vier bis sieben Gängen wählbar. Psst: Wenn man mal ein besonders leckeres Dessert oder einen Zwischengang im Menü entdeckt, aber à la carte essen will, fragt man einfach lieb beim Service, ob da nicht was zu machen ist. Meine Erfahrung: Ja, da ist was zu machen. Aber das spricht ja auch nur wieder für den hervorragenden Service und ein rundum beglückendes lukullisches Erlebnis.


Weißer Ochse
Alleenstraße 102
73230 Kirchheim u. Teck
www.weisser-ochse.de


Charlottes-BesteckkulturCharlotte Luther isst nicht, um zu leben. Sie lebt, um zu essen. Aufgewachsen als Tochter eines Sternekochs, saß sie Augenzeugenberichten zufolge schon als Kleinkind im Hochstuhl, schlürfte Austern und knackte Hummer mit dem Hammer. Heute lebt und arbeitet die Pfälzerin als Redakteurin in Stuttgart und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die schönsten, besten, ungewöhnlichsten und spannendsten Restaurants der Stadt exklusiv für www.dasbestederregion.de zu entdecken und von ihren lukullischen Erfahrungen zu berichten.