Knipsers Halbstück in Bissersheim

»HALBSTÜCK?«, die wahrscheinlich am häufigsten gestellte Frage zu der äußerst geschmackvollen Weinstube in Bissersheim. Der Name HALBSTÜCK ist eine Hommage an das traditionelle Pfälzer Holzfass, in dem einige der besten Rieslinge des Weinguts ausgebaut und erst nach einigen Jahren der Reife verkauft werden. Seit nun über einem Jahr gibt es das erste gastronomische Halbstück im kleinen Ortskern neben der Kirche. Das wundervoll renovierte Gebäude aus der Barockzeit hat sich in kürzester Zeit zu einem der kulinarischen Anziehungspunkte im Leiningerland entwickelt. Das merkt man auch, wenn man ohne Reservierung einen Platz möchte. Ich hatte heute Glück und konnte gerade noch so an der Theke inmitten der Weinstube Platz nehmen. Schon vorab meines Platzgesuchs, als ich am offenen Feuer im Innenhof ein kleines Tegernseer Bier vom Fass zum Aperitif nahm, hat mich das Team um Stephan Braun spontan mit einem kleinem Leberwurstbrot vom Bunten Bentheimer Landschwein verwöhnt und mir die Speisekarte zum Schmökern überreicht. Die Speisekarte ist handgeschrieben, zwar nicht immer leicht zu lesen, aber dafür einmalig in der Form und inhaltlich abwechslungsreich anregend. Küchenchef Damian Filipek, zelebriert eine klassische Küche, der er mit mediterranen Akzenten Leichtigkeit verleiht. Frische Kräuter und ausgewählte Lieferanten wie die Metzgerei David spielen laut eigener Aussage bei ihm eine große Rolle. So liest sich die Speisenkarte sehr anregend, ohne dass man das Gefühl hätte, sich gewagten Experimenten auszusetzen.

Ich habe mich für die Kürbistarte mit winterlichem Salatbouquet und Trauben als Vorspeise entschieden und mir erstmal offen gelassen, ob ich das mir bereits zu Ohren gekommene »beste Schnitzel der Pfalz« (Original Wiener Schnitzel vom Kalb in der Kapp-Brot-Kruste mit Preiselbeeren und Bratkartoffeln) zum Hauptgang gönne, oder den gebratenen Wolfsbarsch auf einem Graupen-Sellerie-Risotto. Da ich auf meinem Hochsitz an der Theke den Rundblick hatte, fiel mir das besondere Weinangebot auf einer großen Kreidetafel ins Auge. Es liest sich wie das How is How der internationalen Burgundergrößen. Was mich besonders erstaunte: neben den Weinen vom eigenen Weingut, kann ich auch zwischen Großen Gewächsen anderer Winzer aus der Pfalz und Deutschland wählen. Als wäre dies nicht schon genug, werden auch rare Pinot Noir Weine aus der Schweiz, Österreich und natürlich dem Burgund angeboten. Ich entschied mich heute für einen Burgunder von Marquis d`Angerville. Der 2009er Volany 1er Cru würde bestimmt die Eleganz und Kraft haben, meine noch nicht getroffene Speisenauswahl zu begleiten. Was mir an dem Weinangebot besonders gefällt, ist die Preiskalkulation. Sie erscheint mir ausserordentlich fair und gab mir noch mehr Schwung im Hause Knipser ausnahmsweise »fremd zu gehen«. Kaum wurde mir der Wein serviert, reicht man mir hochwertiges Olivenöl aus den Abruzzen, Urmeersalz aus Bad Essen und dazu einige Scheiben Brot der Bäckerei Kapp in Edingen-Neckarhausen. Ich versuchte mich etwas zurückzuhalten, da ich nicht zu schnell satt werden wollte. Und so startete ich in den Abend mit der leckeren Kurbistarte, welche eindeutig mehr als ein Halbstückchen (Vorspeise) und köstlich zudem war. Gut, dass die aufmerksame Sommelière Frau Yaman mir hierzu, quasi außer der Reihe, ein Glas 2014er Grauburgunder trocken kredenzt; der frische Tropfen mit seiner gut integrierten Säure verleiht dem Gericht die mich begeisternde Ausgewogenheit. Beim nächsten Gang entschied ich mich für den auf der Haut knusprig gebratenen Wolfsbarsch auf Graupen-Sellerierisotto. Hier war dann meine Rotweinwahl genau das I-Tüpfelchen auf den superben Fischgang. Das Original Wiener muss leider noch auf den nächsten Besuch von mir warten … ich konnte einfach nicht mehr.

Mit »Tarte Tartin Apfel« ist meine Dessertwahl schlicht überschrieben und kommt genau so puristisch auf den Teller. Entgegen dem ersten Anschein, hatte ich aber eine Aromenkomposition vor mir. So einfach und gut kann ein Klassiker als Dessert sein. Auch nicht alltäglich: mein bestellter Espresso stammt von Chocolatier Timo Meyer aus Freinsheim. Er liefert hier nicht nur den Kaffee, sondern immer mal wieder wechselnde Pralinenspezialitäten. Das Halbstück ist und bleibt etwas ganz Besonderes in der Pfalz. Toller Flair, eine heitere, lockere Stimmung, eine ambitionierte, bodenständige Küche und eine für Weinstuben seines gleichen suchende Weinauswahl.


Knipsers Halbstück
Hollergasse 2
67281 Bissersheim
T +49 6359 945 92 11
halbstueck.de


Text: Andreas Kunze