Im Rotwein-Elysium

Weinfreunden ist Fellbach seit vielen Jahren ein Begriff. Die Güter von Aldinger, Schnaitmann oder Heid stehen seit Jahren synonym für die Schwabenspitze mit VDP-Anschluss, ihre Gewächse erzielen allerorten Preise und Höchstnoten. Eine traditionsreiche und prestigeträchtige Veranstaltung wie der Deutsche Rotweinpreis passt somit perfekt in diese Weinlandschaft, idyllisch nahe Stuttgart gelegen, geprägt von sanften Hügeln und jeder Menge Rebensaft. Seit 1987 wird dieser Preis verliehen, auch in diesem 30. Jahr fand die Verkostung der Siegerweine und das anschließende Galadinner in den beeindruckenden Räumlichkeiten der Alten Kelter statt.

Hinter, unter den mächtigen Holzgiebeln der historischen Halle, trafen sich auch in diesem Jahr schon am Mittag die ausgezeichneten Winzer, Weinkritiker, Gastronomen und Weinfreunde zum zwanglosen Austausch, verkostet wurde neben den Siegertropfen der deutschen Bewerber auch die eine oder andere Besonderheit. Sieger, das wurde auch an diesem Tag schnell klar, waren natürlich alle eingeladenen Weingüter, letztlich sind es nun mal bisweilen nicht mehr als Nuancen, die zwischen dem ersten, zweiten und dritten Platz unterscheiden. Kein Wunder, immerhin dampfte die Jury die 1500 eingesandten Weine ordentlich ein.

bildschirmfoto-2016-11-07-um-09-11-08Höhepunkt war, wie könnte es anders sein, die große Rotweingala am Abend. Schon im Foyer wurde fleißig Rotwein als Aperitif gereicht (leider ohne nähere Informationen zu Weingütern oder Jahrgängen), die Feierlichkeiten an den festlich gedeckten Tischen gehören seit vielen Jahren zu den Höhepunkten im Rotweinkalender. Das liegt nicht nur an einem aufwändigen 5-Gang-Menü, das Sternekoch Philipp Kovacs aus dem Fellbacher Goldberg für die 200 Gäste erdachte, sondern auch an der schieren Gläserarmada, die auf den ersten Blick durchaus fordernd wirkt: Jeweils vier Rotweine gab es zu den ersten vier Gängen zu verkosten, allesamt Tropfen unter den ersten drei des Rotweinpreises und allesamt passend zu den einzelnen Gängen ausgesucht – eine Herausforderung, die beinahe durchgehend gut gemeistert wurde. Es ist nicht die leichteste Übung, einen passenden Rotwein für ein Stück Lachs zu finden – geschweige denn vier!
Während die Gala und Kür der Preisträger von der ehemaligen Deutschen Weinkönigin Lena Endesfelder zwar charmant, jedoch bisweilen etwas oberflächlich moderiert wurde, fand das eigentlich Spannende an den Tischen statt. Zu Kürbis-Ingwer-Suppe, geschmorten Ochsenbäckchen oder Rinderfilet kamen die bunt gemischten Tische wie von selbst ins Gespräch, es wurde unter Winzern, Gourmets, Fachjournalisten und Gastronomen geplaudert, gefachsimpelt und genossen. Vor allem genossen. Viel Applaus, aber auch die eine oder andere hochgezogene Augenbraue gab es für den Sonderpreis »Roter Riese«, der in diesem Jahr an die Weinmanufaktur Untertürkheim ging – genauer gesagt an deren Kellermeister Jürgen Off. Das übrige Bild war, vorsichtig formuliert, das gewohnte: Die Pfalz ging mit beeindruckenden vier Erstplatzierten als klarer Sieger aus dem Abend hervor, Württemberg und Baden teilten sich jeweils zwei Pole Positions. Der Frühburgunder von Peter Kriechel (Ahr) sicherte sich die Auszeichnung »Deutsche Klassiker«, Karl Haidles Zweigelt »Passion« heimste die Trophäe als beste Neuzüchtung ein. Schön: Von Neid oder Missgunst unter den Winzern keine Spur, man feuerte sich gegenseitig an, beglückwünschte sich herzlich.

Einige weitere Weine, die sich nicht im Menü integrieren ließen, darunter Raritäten und besondere Tropfen, versüßten den Ausklang nach der Preisverleihung. Wer zu diesem Zeitpunkt (aus durchaus verständlichen Gründen) keine Lust mehr auf Rotwein verspürte, griff zu frisch gezapftem Bier oder Cocktails. Was davor schon angenehm zwanglos und locker war, wurde in der Alten Kelter spätestens dann zum heimeligen Miteinander. Fellbach, das hat sich auch 2016 wieder gezeigt, kann trotz kleiner Abstriche mit den Riesen unter den Rotweinpreisen mithalten. Ob es dafür einen Videogruß von EU-Kommisar Günther Oettinger gebraucht hätte, darf auch angesichts der relativen Belanglosigkeit seiner Worte angezweifelt werden. Die vielen Spitzenwinzer aus Deutschland haben auch ohne seine Hilfe mehr als eindrucksvoll gezeigt, wie gut es um den Deutschen Rotwein steht.

 

Die Erstplatzierten im Überblick:

Sonderpreis »Roter Riese«

  • Jürgen Off • Kellermeister der Weinmanufaktur Untertürkheim
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Spätburgunder (zwei Sieger):

  • 2013 Pinot Noir Réserve Pfalz • Weingut Bernhard Koch, Hainfeld

  • 2014 Meersburg Mocken »3 Lilien« Baden • Weingut Aufricht, Meersburg-Stetten
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Cuvées

  • 2011 AnnA Baden • Weingut Seeger, Leimen


Internationale Klassiker

  • 2014 Syrah Heiligenberg Pfalz • Weingut Erich Stachel, Maikammer
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Lemberger

  • 2013 *** Württemberg • Weinmanufaktur Untertürkheim
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Deutsche Klassiker

  • 2012 Frühburgunder Marienthaler Rosenberg Ahr • Weingut Peter Kriechel, Ahrweiler
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Unterschätzte Sorten (zwei Sieger)

  • 2014 Pinot Meunier Pfalz • Weingut Metzger, Grünstadt-Asselheim
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  • 2012 Portugieser Rheinhessen • Weingut Mett & Weidenbach, Ingelheim
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Edelsüß

  • 2015 St. Laurent / Cabernet Sauvignon Blanc de Noir Beerenauslese Pfalz • Weingut Frey, Essingen
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Neuzüchtungen

  • 2012 Zweigelt »Passion« Württemberg • Weingut Karl Haidle, Kernen-Stetten
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Fotos: Jana Kay